Die Party ist over

Folgen der Berliner Kulturkürzungen für eine freischaffende Künstlerin

Von Felizitas Stilleke

Nun sitzt du hier. In Berlin. Der Hauptstadt deiner Träume. Allein. Dabei wolltest du doch bei den ganz Großen mitmischen. Hast deinen Job als Dramaturgin in den kleinen Privattheatern in Nordrhein-Westfalen an den Nagel gehängt, um hier am Puls der Zeit Utopien zu erproben. Wolltest kuratieren, schreiben, neue Formen fürs Theater erfinden. Wenn du ehrlich bist, wolltest du hier sogar die Welt verändern oder zumindest ein kleines Stückchen besser machen. Du wolltest die ganze Nacht lang visionäre Gespräche mit internationalen Kunstschaffenden führen und dabei das Berghain kaputt tanzen, um anschließend eine dieser krachenden Performances zu kreieren, die andere Menschen entzünden. Du wolltest leuchten.

Und jetzt? Alles hat sich verdunkelt. Und zwar gewaltig. Nun bist du schlagartig eine dieser Freiberuflerinnen, die sich vor ihrer Mutter rechtfertigen müssen, warum sie jetzt nicht noch schnell auf Lehramt umschulen und einem „echten Job“ nachgehen. Das einzige Licht um dich herum stammt aus der Sparbirne der Ikea-Lampe in dem Büro, das du dir gemietet hast. Weil du dich künstlerisch noch mehr entfalten wolltest. Jetzt musst du zusehen, wie du es wieder loswirst.

Die Kulturkürzungen, die eigentlich Streichungen heißen müssten, und alles, was die Politik gerade so treibt, sind das viel abgefahrenere Theater geworden. Ohne Vorwarnung – denn „wir müssen sparen“ ist keine Vorwarnung – hat der Berliner Senat 12% des Haushaltes aus den Förderprogrammen der Kultur genommen und mit sofortiger Wirkung Infrastrukturen sowie Räume unwiderruflich abgeschafft. Das hättest du dir nicht ausdenken können, aber die Weltbühne hat dich abgehängt. Kein Schwein ruft dich an, weil ja gerade nichts geht oder erstmal abgewartet werden muss. Haushalte. Wahlen. Verhandlungen.

Die Post-its an deinem Moodboard rascheln leise im Wind. All die Ideen, die du während der Corona-Förderprogramme angehäuft hast, wurden Waisen, noch ehe sie die Chance auf eine faire Geburt hatten. Wer zählt die nicht geschlossenen Honorarverträge? Die aus Angst vor der Ungewissheit nicht geschlagenen Handschläge? Die Häuser müssen Spielpläne verkleinern und ihre Festangestellten retten. Ist doch klar, dass niemand jetzt den Kopf für deine konzeptionellen Skills hat. Du bist kein laufender Posten!

Und die freien KünstlerInnen, mit denen du regelmäßig arbeitetest, stürzen sich auf die wenigen Fördermittel, die noch übrig sind – Ellenbogen voraus. Lotto ist nichts dagegen.

Aber der Senat verkündet frech, dass frühestens Ende 2025 die Bescheide bekannt gegeben werden, wer dann nächstes Jahr auf Unterstützung hoffen darf. Wer planen will, ist hier wirklich fehl am Platz.

Na gut, du bist in Durststrecken erprobt. Als Freiberuflerin kannst du auch mal ein paar Wochen improvisieren und tagelang Nudeln mit Pesto essen. Hast du zuletzt mit 20 gemacht, warum soll das mit 40 nicht mehr gehen? Du leihst dir Geld von anderen freien KünstlerInnen, denn die Festangestellten bieten dir das gar nicht erst an. Je geringer die Gewissheit, desto größer der Zusammenhalt. Aber trotzdem, wieso ruft denn niemand an, verdammt!?

OhJoe warte, hast du deine letzte Telefonrechnung noch bezahlt? Gerade willst du in der Berliner Kulturszene nicht mal tot überm Zaun hängen. Und überhaupt: Mittlerweile erinnert dich erschreckend viel an deine Jugend auf dem Dorf. Allein öffentlich zuzugeben, dass du mit 12 aufs Land gezogen bist, war vor ein paar Wochen noch unvorstellbar. Du hattest dir die Erinnerung ans Dorfleben in Berlin streng verboten und aus Scham, dörfliche Einschreibungen zu entlarven, nicht mal in dein Tagebuch geschrieben. Aber nun ist doch eh alles egal.

Die Party ist over. Nix mehr mit der unendlichen Clubszene Berlins. Ab jetzt steht Kultur-DJ Joe an den Turntables und serviert dir das Beste der 80er, 90er und alles, was der Neoliberalismus zu bieten hat. „You can leave your hat on“, weil Joe Chialo aka Joe Cocker so gütig ist, dir in der erzwungenen Nacktheit noch deinen Hut zu lassen. LOL.

Du verstehst, was hier los ist: Dorfdisco, bis der letzte Nachtbus dich nach Hause bringt oder sich die Anwohnenden beschweren. Apropos, ist es Zufall, dass die beliebteste Partyreihe in deiner alten Heimat „Confusion“ hieß und immer mit so einer Hymne eröffnete, bei der eine verzweifelte Frau über den billigen Techno rhythmisch schrie „I feel confusion, deep inside of me!“? Wohl kaum.

Deine Konfusion ist kilometertief und uralt - wie konnte Berlin über Nacht zu Gronau oder Steinfurt werden? Die Stille in der Berliner Kulturblase ist so laut und furchteinflößend geworden, wie du es nur aus Kleinstädten kennst, wo um 18:00 Uhr die Bordsteine hochgeklappt werden und sich alle in ihre Kleinfamilien oder vor die Glotze zurückziehen. Das hast du dir anders vorgestellt.

Damals, als ihr frisch ankamst im Münsterland, mussten deine Eltern einem alten Brauch zufolge sechs offizielle NachbarInnen suchen. Bepackt mit einer Flasche Korn, haben sie dann bei sechs Parteien geklingelt und ganz offiziell gefragt: „Willst du mein Nachbar sein?“ Als sie am Ende des Tages die Sechs zusammen hatten, gingen sie ins Bett und wachten am nächsten Morgen mit Kater und der zufriedenstellenden Gewissheit auf, nun offiziell einer Gemeinschaft anzugehören.

Warum sechs, willst du jetzt wissen? Ganz einfach: Weil es sechs Personen braucht, um deinen Sarg zu tragen. Der Tod klärt also die Verhältnisse. Die eigene Abschaffung bildet die Grundlage für ein nachbarschaftliches, vertrauensvolles Miteinander.

Zurück in deinem KünstlerInnenbüro fragst du dich, wie deine NachbarInnen heißen und auf wen du jetzt konkret bauen sollst. In Zeiten der absoluten Krisen müssten die Zeichen der Gemeinschaft deutlicher zum Vorschein kommen als je zuvor. Wie unpraktisch ist die Anonymität der Großstadt jetzt bitte?

Es bräuchte dringend Verbindungen, die weit über FreundInnenschaft oder KollegInnenschaft im Großstadtdschungel hinausweisen. All die social skills, die uns vor den Angriffen des Hyperkapitalismus beschützen könnten. Wir sollten wieder einfach alle auf der Straße grüßen, die uns über den Weg laufen, und den Hut ziehen.

Jetzt, nachdem die Abschaffung der Kunst als Möglichkeit ausgerufen wurde, müssten wir nicht in einem neuen Gefühl des Zusammenhalts und der Klärung der Verhältnisse erwachen? Unsere Beziehungen vertiefen? Neu über uns nachdenken? Unsere Nachbarschaften endlich leben? Berlin zu dem Dorf machen, das es längst ist?

Also los, lasst uns alle sechs offizielle SargträgerInnen suchen und unser Kunstschaffen auf sechs breite Schultern aus unterschiedlichsten Bereichen und Disziplinen verteilen. Nur wahre Vielfalt kann dich tragen. Berlin kann einiges in Sachen Zusammenhalt, Gemeinschaftskunde und Nachhaltigkeit vom Dorf lernen.

Wir brauchen SargträgerInnenschaften, FreundInnenschaften, die auf dem Gedanken eines möglichen Endes oder zumindest auf existenziellen Bedürfnissen basieren und die weit über sich selbst hinausweisen. Erst mit ihnen würden unsere Netzwerke zu wirklichen Netzen, die sich auswerfen ließen.

Wer hätte gedacht, dass dir deine verschwiegenen Provinzjahre noch mal zur Rettung eilen? Dass da doch auch andere Erinnerungen zurückgeblieben sind als Engstirnigkeit, Homophobie oder Ausgrenzung.

Liebe Dörflinge, wir müssen uns jetzt aus unseren Berliner Verstecken wagen. Wir sollten uns auf dem Alex versammeln und so lange visionäre Gespräche führen, bis der Hahn wieder nach uns kräht. Scheunen entlang der Spree errichten und darin das nächste Karnevalsfest planen. Durch Seilschaften marginalisierte Existenzen sichern und uns einen Schutzraum eröffnen.

Wir sollten Telefonketten bis nach Hintertupfingen starten und alle Stammtische samt den Freiwilligen Feuerwehren oder Kegelclubs einladen. All unsere Projektideen, Kulturvisionen und jede Art von Inspiration zu goldenen Garben schnüren und über die Karl-Marx-Allee tragen.

Das ganze Dorf wird längst nicht mehr nur gebraucht, um gemeinsam Kinder großzuziehen. Nein, das ganze Dorf muss jetzt die Kunst erhalten, sie zum Wachsen bringen. Her mit den Bauernregeln der LebenskünstlerInnen und den Traditionen der Freien Szene. Die Schwalben fliegen tief. Wir sollten also noch enger zusammenrücken. Direkt den ganzen Hof übernehmen. Uns selbst versorgen. Eine Hand die andere waschen lassen. Und irgendwann auf unseren eigenen Gräbern tanzen.

Es gibt noch so vieles zu erfinden, performen oder erschaffen in Berlin. Nicht umsonst haben wir so intensiv an unserer Vielfalt und unserer utopischen Kraft gearbeitet, als dass wir jetzt sang- und klanglos in der „echten“ Arbeitswelt abtauchen sollen, nur weil ein paar ideenlose Hobby-DJs namens PolitikerInnen uns den Saft abdrehen.

Uns allein lassen und vor vollendete Tatsachen stellen, sodass wir gar nicht anders können, als uns mit anderen Kräften, Strömungen und Bewegungen zu verbinden. Du siehst mögliche Schulterschlüsse mit den sozialen Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und KlimaschützerInnen, die es zu vertiefen gilt.

Sargtragende! Wenn wir auf die sozialen Kräfte vertrauen, die es braucht, um Kunst zu schaffen – die es benötigt hat, um Berlin zu dem inspirierenden Schmelztiegeldorf zu machen, das es sein kann, wenn man es nur lässt – dann verstehst du wieder, was du hier willst und warum du nicht längst deine Sachen gepackt hast.

Wie konntest du vergessen, wie viel Gemeinschaft in der Bubble steckt? Dass dort, wo eine Blase ist, gleich ein ganzer Schwarm von ihnen gen Himmel aufsteigen kann.

Plötzlich scheint das Licht auf deinem Kopf mitten in dein Herz. Dir wird warm. Weil wieder Platz ist, dort wo vorher keiner war. Weil das Leuchten genauso wenig aus der Gemeinschaft rauszubekommen ist, wie das Dorf aus Berlin.

ERSCHIENEN 20.03.2025 IN DER FREITAG

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