Wenn der Löffel Sich Biegt

Von Felizitas Stilleke

Ohne Energie läuft nichts! Das wusste schon der große Illusionskünstler Uri Geller. Seine Löffel bogen sich nur, wenn die Zuschauenden ihm ihre geballte mentale Energie telepathisch über die Flimmerkisten zusendeten. Made sense in the 70`s und vielleicht auch noch bei der Wiederaufnahme zu Beginn des neuen Jahrtausends. Aber wir sollten uns dieses energetische Schauspiel nochmal genauer ansehen.

Ich erkundige mich also ganz 2026 bei ChatGPT, wie man denn überhaupt mit Energie herumzaubert und verbrauche damit auf jeden Fall schon mal zu viel davon. Das Internet interessiert sich von Natur aus nicht für Ressourcenausbeute und haut mir Ausführungen zu Maßeinheiten wie Kilowatt und Joules emotionslos um die Ohren. Doch darüber hinaus springt mich eine alte Gewissheit an. Energie ist und bleibt vor allem eines: das Potential für Veränderung und Wandlung. Kein Wunder also, dass sich aktuell vor allem Künstler*innen damit beschäftigen.

 Wie Uri Geller zieht auch uns Kunstschaffende die Möglichkeit zur Veränderung magisch an. Die Größe utopischer Räume. Die Chance auf eine Veränderung des sozialen Miteinanders. Denn so wie sich steigende globale Gewaltbereitschaft und drastischer Klimawandel aktuell präsentieren, sollte es besser nicht bleiben. Energetisch ist vieles blockiert, aufgestaut, überall zu viel Druck auf dem Kessel. Das Potential zur Veränderung ist wichtiger denn je. Und so beschwören es Kolleg*innen in unterschiedlichsten Spielarten. Das OSTEN Festival in Sachsen-Anhalt etwa setzt in diesem Jahr auf das Motto „Kraftwerk Zukunft“. Ada Mukhína beschäftigt sich in ihrem künstlerischen Forschungsprojekt „Energy. Burnout Artist in a World on Fire“ mit Energieversorgung und Energieblockaden auf politischer und privater Ebene. Die Kulturwissenschaftlerin Mona Leinung widmet ihre kritische Gesellschaftsanalyse an der Folkwang Universität der Künste der potentiellen Kraft zur Veränderung des Sozialen. 

In immer enger werdenden, verrohenden Gesellschaften, ist Energie ein rares Gut. Doch zu energetischen Gleichungen, die der aktuellen gesellschaftlichen Lage angemessen wären, finde ich wenig im Worldwideweb. Siri, sag, wieviel Kilowatt misst ein Burnout? Uri, welche Anzahl an Joules braucht es, um ein Kollektiv immer wieder in die Mühlen der Antrags- und Absagewellen zu peitschen? Kann mir eine von euch erklären, wie viel Druck von rechts die Kunst noch aushalten kann? Die Energie, die es gegenwärtig kostet, unsere Arbeit zu leisten, misst sich nicht mehr bloß anhand von benötigten Tassen Kaffee, eingeworfenen Ibuprofen, der Tiefe unserer Atmung oder in Bandscheibenvorfällen. Sie zeigt sich in einer neuen Super-Welle an Selbstausbeutung, Konkurrenzballett und massivem Vermarktungsdruck. Der Preis für Veränderungspotential ist massiv gestiegen, eigentlich wirkt die Transformation mittlerweile unbezahlbar.

Manche von uns schaffen es nur noch mit Therapie durch die Arbeit, manchen helfen Retreats oder mindestens ein saftiger Waldspaziergang. Aber auch das kostet Geld und Zeit, ergo Energie. Wo also findet sich die Kraft, die es braucht, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben? Die Leistung vor der Leistung? Wie und wo laden wir unsere inneren Powerbanks? Womit gleichen wir den energetischen Dispo aus? Die Akkus diverser Kolleg*innen sind leer und warten darauf, wieder unbelastet in die Atmosphäre zurückzugelangen. Denn aktuell braucht es zu viel Abrechnungsenergie, Abstimmungsenergie, Abgrenzungsenergie, Definitionsenergie und Diskussionsenergie. Was nicht nur in der Kunst, sondern in den politischen Räumen dieser Welt fehlt ist das Bündeln unserer Kräfte, sind gemeinsame Visionen. Wo ist er denn, der Löffel, den wir biegen wollen?

Uri hat, wie alle mit Illusionen Arbeitenden, erkannt, was bei der ganzen Trickserei nicht unter den Tisch fallen sollte: Es braucht die kollektive Energie! Wenn wir alle in dieselbe Richtung schauen, und uns solidarisch und Mut spendend aufeinander zu bewegen, dann können wir nicht nur Löffel biegen. Sondern vielleicht auch den Rechtsruck ausbalancieren und unseren Blick wieder auf das Diversitätsversprechen weiten. Eine fokussierte Gemeinschaft ist unschlagbar. Nicht nur die Einbildung ist eine Superkraft. Wir müssen den Wandel zusammen wollen! Jetzt! Schluss mit der Energieverschwendung in den eigenen Reihen. Was Uri kann, können wir schon lange. Und zwar mit weitaus wichtigeren Dingen als Besteck!

Es gilt jetzt all unser Wissen über das Soziale, Verbindende und Öffnende mit Hoffnung zu versetzen. Wir müssen daran glauben können, dass wir gemeinsam aus dem Schlamassel kommen. Müssen die Kunst als Möglichkeitsraum zwischen uns bewahren und darauf vertrauen, dass sich zwischen uns eine Kraft freisetzen lässt, die ins Gemeinsame fließt. Wir müssen darauf hoffen, dass eine kollektive Energiewende uns aus den gegenwärtigen Abgründen, der Niedergeschlagenheit, der Vereinzelung und den überflüssigen Beißereien zurückholt. Lasst uns konzentriert in eine flimmernde Richtung schauen. Gen Bildschirm oder Sonnenaufgang. Hauptsache, wir sehen einen gemeinsamen Horizont. 
 

ERSCHIENEN 13.10.2026 IM FONDS DAKÜ MAGAZIN