The meeting to discuss a good way forwards has been cancelled

Ein Gesprächsauftakt

Von Annett Hardegen, Max-Philip Aschenbrenner, Anne Brammen, Elisa Liepsch, Sarah Israel, Cornelius Puschke, Wilma Renfordt, Lina Zehelein, Felizitas Stilleke, Johanna-Yasirra Kluhs, Daphne Ebner, Nadine Vollmer, Heike Albrecht, Friederike Thielmann

Von: annett hardegen
Betreff: text
Datum: 25. März 2017 10:07:06 MEZ

Postdramaturgisch wäre, wenn wir endlich die Begriffe über Bord hauen, in denen wir uns bewegen und die uns immer noch genügend Sicherheit suggerieren, so zu tun, als wären wir autonom, als könnten wir der Welt etwas entgegensetzen und sei es einen künstlerischen Ausdruck. Im Angesicht einer Wirklichkeit, die Subjektivität und Individualismus als Phantom am Leben erhält, weil es die totale Ökonomisierung des Einzelnen befeuert. Welche Rolle kann es spielen, dass etwas, was einstmals scheinbar festgelegt und definierbar war, jetzt einer ebensolchen Diffusität erliegt wie alle möglichen anderen Bezugssysteme, und dass die Wirklichkeit vielleicht die eigentliche Protagonistin aller Post-Spielarten ist.

Politisches Vorstellungsvermögen und ästhetische Urteilskraft scheinen ausgespielt zu haben. Aber ein echtes Post ist nicht in Sicht; nur ein Nach, das an Rahmenbedingungen festhält, die längst verschwunden sind. Oder wie mein Freund Boris Nikitin sagt: der Rahmen ist gebrochen! Und alles, was mir dazu einfällt: schöner Titel. Das Postwhatever gibt uns bei aller Gebrochenheit ein Bezugssystem, anstatt zu fragen: Was würde passieren, wenn wir endlich anerkennten, dass wir das Unsrige im Namen eines Liberalismus gern aufgegeben haben und am Horizont nichts weiter erscheint als Propaganda? Eine Nachgeburt ist ein funktionaler Bestandteil der Geburt, ohne sie haben wir Schlimmes zu erwarten. Eine Postdramaturgie könnte heißen, Räume zu besetzen, in denen wir arbeiten an einer Zukunft, die nichts mit der Gegenwart zu tun hat, aber die sich besinnen kann, wo wir herkommen, was/wer wir sind, aber nicht, um eine Differenz zu ziehen, sondern um uns zu verbinden. Eine Arbeit gegen die Verachtung und Erniedrigung, der wir tagtäglich ausgesetzt sind; an einer Haltung und einem stolzen Bewusstsein der Freiheit des Geistes und aller Geister, die wir mit uns herumtragen. Vielleicht weniger post und viel mehr JETZT und noch viel mehr MIT: die Kämpferinnen in Kobane, ganz vorn an der Front. Sie nehmen ihre bunten Tücher ab und die Männer hinter ihnen binden sie sich um (postdramaturgisch!).

Von: Max-Philip Aschenbrenner
Betreff: Aw: Let´s talk about ... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 27. März 2017 16:01:27 MESZ

Danke, Marianne!

And a 1 and a 3 and a 1,3,7
And a 1 and a 3 and a
1,3,11

Dennoch von den Dramagiern und Dramatrugen zu sprechen, heißt von ihrem Wesen zu sprechen; ihren Kern zu beschreiben, heißt sie entkernen, dar- oder vorstellen kann man sie nicht.

DragOn aka maXXinE A$hyneBURN aka The Phoenix

And a 1 and a 3 and a 1,3,7
And a 1 and a 3 and a
ching chang chong

Frage: Was ist das erfolgreichste Theater des 20. Jahrhunderts?
Antwort: Das Theater des 19. Jahrhunderts.
Danke, Brecht!

Frage: Was ist das erfolgreichste Theater des 21. Jahrhunderts?
Antwort: Das Theater des 20. Jahrhunderts
Nein, Danke!

Sie leben im Dunkeln, haben immer im Dunkeln gelebt, werden immer im Dunkeln leben.

DragOn aka maXXinE A$hyneBURN aka The Phoenix

And a 1 and a 3 and a 1,3,7
And a 1 and a 3 and a
1,3,7, 11

Los komm, wir verkaufen Nabelfussel an Leute, die schon alles haben!

Von: Anne Brammen
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 30. März 2017 um 15:35:25 MESZ

IDEENJONGLAGE

Gratwanderung zwischen Entwicklung eigener Ideen und Gesprächsgegenüber sein für Ideen Anderer (viele Fragen stellen und wenig Antworten geben). Konzeptuelle Perspektive auf Produktionen: wie die Idee theatral vermitteln? Oder: welche Theaterform für welches Thema? Oder: welche Idee vermittelt sich mir bei dem, was ich sehe?

STRUKTURGEBUNG

Ideen und Gedanken von mir strukturieren.
Ideen und Gedanken und Aussagen von anderen strukturieren.
Texte strukturieren.
Recherchematerial strukturieren.
Improvisationsmaterial strukturieren.
Festivals strukturieren.
Spielpläne strukturieren.
Programmhefte strukturieren.

BE-SCHREIBEN

Als Dramaturgin beschreibe ich anderen, was ich wahrnehme. Auf der Straße, auf der Bühne, auf der Probe…

Und ich schreibe: Anträge, Ankündigungen, Stücktexte, Theoretisches für Team oder Publikum, Definitionen von Dramaturgie für Veröffentlichungen, u. a.

Im Gegenzug lese ich auch viel desselben.

PS: Mir sind dazu noch Metaphern eingefallen, die teilweise altbekannt sind, aber mir zur Berufserklärung dann doch immer sehr gut dienen:

Hebamme (für Ideen)
Architektin (von Stücken/Strukturen)
Anwältin (des Publikums)

Von: Elisa Liepsch
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 31. März 2017 um 10:07:44 MESZ

Dramaturgie ist Arbeit. Neben der Arbeit mit demr Künstlerin und am Projekt begreife ich mein Tun als ein aktivistisches, Dramaturgie als politische Praxis. Ich befrage meine Privilegien und die weißen Architekturen der Institution, die Förderstrukturen, die Dramaturgien des Antrags und jene der Entscheidungsfindung. Ich frage mich, warum ich soviel Macht habe und mit am Kanon bastle. Ich frage mich auch, warum ich so wenig Macht habe in der Struktur, die mich nährt; warum die Antragsrhetorik sitzt und es mir so schwer fällt, diesen Text zu verfassen.

Dramaturgie bedeutet Kommunikation. Meine Praxis ist eine mit Komplizinnen, eine im Aggregat, das sich austauscht und empfindsam hält, das Sorge trägt und Solidarität praktiziert. Weil wir als Gruppe besser sind und nicht mehr an dendie Königin glauben. Im Austausch der Gedanken und im Kampf gegen die gesetzte Liberalität des Malestreams der Chefetagen mit seinem standardisierten Perspektivwechsel. Dramaturgie ist deshalb auch Emanzipation. Diese Praxis schließt das Sichtbarmachen der Prozesse ein, genauso wie die Transparenz. Und speist sich aus einem beständigen Befragen – desr Künstlers*in, der künstlerischen Arbeit, meines Handelns, der Institution, des Publikums – und Sprechen, vor allem einem Miteinandersprechen. Wer lädt wen zum Gespräch und wie können wir auf Augenhöhe miteinander reden? In den hoffnungslosen Grabenkämpfen suche ich nach Wegen, jenseits der Anklage wieder konstruktiv zu werden.

Der Länderschwerpunkt muss weggefegt werden, außer „europäische“ künstlerische Positionen sind selbstverständlicher Teil des Spielplans, auch wenn der Förderzeitraum abgelaufen ist. Dramaturgie muss Internationalität wirklich denken, die Counter Narratives und Differenz umarmen. Wie verstetigen wir das neue Wissen, wie bringen wir dieses zu den Menschen, wie können wir Transfer und Teilhabe ermöglichen? An Reproduktion und Repräsentation haben wir alle teil.

Dramaturgie bedeutet vor allem aufrichtiges Interesse und absolute Ehrlichkeit im Umgang mit der Kunst und den Menschen, die sie machen. Ich höre zu, ich nehme mich zurück, ich richte mich nach den Bedürfnissen desr Künstlersin. Meine Aufgabe sehe ich primär in der Ermöglichung und Umsetzung von Arbeitsweisen. Dramaturgie bedeutet dabei immer Auflehnung gegen institutionalisierten Rassismus, Sexismus und elitäres Denken. Dramaturgie muss radikal sein. Und unerbittlich.

Denn seien wir ehrlich: die freieren Produktionshäuser reproduzieren die Leitungsmodelle der etablierten Häuser. Meine Arbeit erinnert mich immer wieder aufs Neue daran, dass viel zu tun ist. Weil die Welt sich wunderbar wiederfindet in der kleinen Welt des Theaters. Hier sehe ich die Notwendigkeit andere Werte zu praktizieren. Und weiterhin im und mit Theater an die Solidarität zu glauben.

Von: sarah israel
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 1. April 2017 um 12:12:22 MESZ

Ich bewege mich bei den Projekten, die ich als Dramaturgin begleite, zunehmend in kulturellen Kontexten, die ich nicht kenne, die mein Wissen und meine Lebenserfahrung übersteigen und die nicht allein durch Bücher entdeckt, verstanden geschweige denn erfasst werden können. Ich brauche Zeit, ein gutes Gehör und Mut los zu tigern in Gefilde, die ich nur unter Anleitung von Anderen entdecken und zugleich befragen kann. Die Umwege sind hier der Schlüssel zum ‚Weiter‘ im gemeinsamen Arbeitsprozess. Und all jenes, das meine Augen sehen, meine Ohren hören, was die Partner*innen, aufgrund des - einem jedem bekannten - Alltags und seinem Trott eventuell nicht (mehr) wahrnehmen. Fremd sein und zusammen das erarbeiten, was den Arbeitsprozess nährt, befragt, prüft, antreibt.

Ich sammele also: Bilder, Eindrücke, Gedanken, Texte, Erfahrungen, Missverständnisse, um diese zu entfalten, glattzustreichen, Knicke zu verstehen und Falten zu akzeptieren. Dafür brauche ich das Gegenüber, seine/ ihre Persönlichkeit und Wissen über sein/ ihr Welt- und Kunstverständnis. Gehe ich dabei nicht verloren, sondern halte an eigenen Perspektiven und Wissen fest, so können wir gemeinsam neu falten, neue Formen finden, die das Entfaltete anders zu Tage bringen. Dramaturgien für (Lebens-)Prozesse entwickeln, die im Werden sind.

Das Projekt ist an die Stelle des Stücks getreten. Das Ausland und Räume, die keinem Stadt- oder Staatstheater (an-)gehören, an die Stelle der klassisch-deutschen (Probe-)Bühne. „On the road“ an die Stelle des Büros. Ungesicherte Produktionsmittel an die Stelle der gesicherten. Geblieben sind die Fragen, welche Form der Inhalt benötigt und wie der Inhalt in der/ durch die Form vertreten ist. Die Formenvielfalt ist gewachsen, die Heterogenität der Inhalte auch. Was bleibt ist, dass Dramaturgie nur dann als Praxis ausgeübt werden kann, wenn es Vertrauen, einen geteilten gedanklichen Aktionsraum und den Wunsch nach einer Störung gibt, die ebenso produktiv wie nicht (immer) zielführend ist.

Von: Cornelius Puschke
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 2. April 2017 um 13:21:20 MESZ

Ich wurde gefragt, was Dramaturgie für mich ausmacht. Meine Antwort dauert neun Minuten.

Bitte nehmen Sie Ihr mit Kopfhörern ausgestattetes Smartphone, Laptop oder Tablet zur Hand. Stecken Sie die Kopfhörer in Ihr Ohr. Bitte rufen Sie folgendes YouTube-Video auf, dessen erste 30 Sekunden Sie sich angucken. Danach schließen Sie die Augen und hören dem Video nur noch zu.

https://youtu.be/LU8DDYz68kM

Von: Wilma Renfordt
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 2. April 2017 um 15:15:20 MESZ

„Arbeiten mit Dramaturg ist wie ficken mit Kondom. Mit ist sicherer, ohne macht mehr Spaß.“ Das hat mir mal ein Schauspieler als gängiges Sprichwort erzählt. Wenn das der Beruf wäre: nein danke, lieber nicht. Aber man kann ja auch anders arbeiten, also seinen Gegenübern dabei helfen, eine eben nicht abgesicherte, sondern eine in ihrem Grundverständnis offene Situation herzustellen (und alles andere wäre im Theater uninteressant). Aber trotzdem bleibt das Stigma der Spielverderberin an der Dramaturgin hängen und macht es mir bisweilen schwierig, Begeisterung für den Beruf zu entwickeln. Vermutung: Dieses Stigma ist ein Kind von Textfixiertheit und Autorkult. Wer in einer Gruppe die Position des Textes vertritt, steht in dieser Denke für eine äußere, die eigene Freiheit limitierende Autorität. Und hat jeden Überschuss nicht intellektuell motivierter Setzungen in seine Schranken zu verweisen. Wie langweilig. Und einer von vielen Gründen, weshalb die Arbeit mit Texten für mich nur eine unter vielen gleichberechtigten Aufgaben einer Dramaturgin sein kann. Grundsätzlich geht es für mich darum, den gemeinsamen Prozess (mit welchem Material auch immer!) zu befeuern, ihn zu überschauen und zu befragen. Die Dramaturgin ist dann Beobachterin, Sammlerin, Spiegel, Kritikerin. Und kann damit helfen, das gemeinsame Konstrukt so abzusichern, dass die Offenheit nicht in Beliebigkeit abgleitet. Die sichere Situation ist dann keine, die frei ist von sämtlichen Risiken, sondern eine, die es den Beteiligten überhaupt erst erlaubt, sich lustvoll ins Risiko zu stürzen. ← Dieser Teil muss weg, und zwar ganz einfach, weil er feige ist.

Von: Lina Zehelein
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 2. April 2017 um 21:37:18 MESZ

Während meiner „Ausbildungszeit“ war eine meiner grundlegenden Erkenntnisse, dass dem Arbeitsprozess – um und mit einem Stoff, sei er dramatischer, epischer oder thematisch collagenhafter Natur – die eigentliche Bedeutung beikommen muss. Und dass dieser Prozess, um dem zu verhandelnden Stoff überhaupt „gerecht“ werden zu können, Zeit braucht. Zeit vor allem auch für die Konflikte unter den sich mit ihm auseinandersetzenden Personen, welche ich als fruchtbar und konstruktiv erlebte. So dachte ich.

Es gibt ein anderes Denken, eine andere Praxis: Der/die Dramaturg*in als Denkstätte, als ’thinktank’ für die sich selbst rechtfertigen wollenden „CI’s“ der Theater, welche die daraus resultierenden Projekte mit der Hälfte der erforderten Zeit, (Wo-)Manpower und Geld oft gerade noch übers Knie gebrochen kriegen.

Dies in einer Zeit, in der sich „die“ Gesellschaft als Mehrzahl erlebt, in der wir erleben müssen, dass simple Antworten einer Verhandlung von Komplexität vorgezogen werden, in der interkulturelle Öffnung von Theatern gefordert und gefördert werden soll und sich auch das Bestreben einer Umorientierung der Theater abzeichnet, sowohl im Hinblick eines neuen Bewusst-Werdens des eigenen Publikums sowie der Hinterfragung des Spielplanes. Ist es da nicht umso notwendiger, sich einer Gründlichkeit zu verschreiben, die auch heißt, zeitintensiver (auch außerhalb des Theaters) zu suchen und zu erfahren? Wäre (und war?) das in Theatern nicht auch Aufgabe des/der Dramaturg*in?

Der formale Frust: sich dem Zwang einer Ökonomie von Arbeit unterworfen zu sehen, welche einen räsonierten konzentrierten Umgang mit Themen grundlegend unterläuft und jegliche ernstzunehmende Auseinandersetzungen (damit auch gemeint: Reibungen) schlichtweg verhindert. Damit sieht sich der/die Dramaturg*in einem abverlangten Verhaltensmuster unterworfen, wie man es in der Politik nach Anschlägen und Attentaten wiederfindet: Statt sich mit genügend Zeit besonnen der Situation zu vergegenwärtigen, muss sofort reagiert, das Symptom bekämpft, Feuerherde gelöscht und Tränen getrocknet werden. Kurz: dem Anspruch an die eigene Arbeit nicht gerecht werden zu können.

Der inhaltliche Frust: Den fundamentalen Widerspruch zu leben zwischen der eigenen Reproduktion dieser „Werte“ der Leistungsgesellschaft und dem Wissen, dass dieser den Menschen zu einer live-work-balance-Maschine machende, jegliche Kreativität vernichtende Leistungs-Profilierung-Profit-Druck eigentlich das Ende künstlerischen Schaffens bedeutet, wenn es nicht zu einer metaphorischen Floskel verkommen will und sich ihm nicht entgegenstellt.

Mögliches Fazit:

Unter dem Licht der sich veränderten Arbeitsweise des/der Dramaturgin schlage ich die Verkürzung des Begriffs der „Postdramaturgie“ in den Präfix „Post“ vor – in Anlehnung an den Film „Jour de Fête“ von Jacques Tati, der eine passende Metapher für die Arbeit vieler Kolleginnen abgibt.

Von: Felizitas Stilleke
Betreff: Aw: Let´s talk about ... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 3. April 2017 10:38:07 MESZ

Wenn ich die Dramaturgie als eine Kumpanin beschreiben sollte, die mit mir unterwegs im Feld der Freien Darstellenden Künste ist, würde ich ihr ad hoc folgende Eigenschaften zuschreiben: sie ist paradox, sie stört, sie beflügelt, sie macht abhängig, sie ist abhängig, sie ist widerspenstig, sie macht euphorisch, sie ist unstet, sie sucht die Harmonie, sie ist naiv, sie zweifelt, sie weiß immer alles besser, sie nervt, sie liebt und sie ist unzuverlässig verlässlich. Aber das alles kann ich nur bis zu diesem Zwischenstopp hier beschreiben – als flüchtige Beobachtung. Denn es liegt ja noch ganz viel Weg vor uns, Frau Kumpanin. Warum also fragen „Was ist... ?“. Weil wir uns am Ende doch immer wieder nach Orientierung auf unseren Um- und Abwegen sehnen. Dabei schickt uns die Dramaturgie doch genau dorthin: Ins Offene.

Ein Versuch ist es dennoch wert:

Kunst positioniert sich in der Gegenwart – in einem Gefüge aus Kontexten, Sichtweisen, Beweggründen. Diese Schöpfung und Einbettung in Gegenwart konstituiert sich im gemeinsamen Prozess des Konzeptionierens, Probens und Befragens. Im Kollektiv. Im Dialog. In der Auseinandersetzung. Darin öffnet Kunst einen Raum der Gegenwart, der für mich dann in Form des Theaters ausagiert wird. (Wobei sich hier die Gegenwart des Theaters in eine Gemeinschaft aus Musik, Tanz, Philosophie und vielen anderen Freiheiten begibt.) Darin bewegt sich Dramaturgie. Für mich. Jetzt.

Um der Flüchtigkeit dieser Gegenwart an dieser Stelle kurz zu entkommen, die folglich eine permanente Um- und Neudefinition der Dramaturgie inhärent generiert, seien ein paar historische Ursprünge zur Verankerung im steten Weiterdriften benannt:

Dramaturgie ist Religion, Kuration, Profession und Kritik. Und zwar, in dem meine Tätigkeiten als Dramaturgin rückverbinden („religare“), sich sorgen („curare“), öffentlich bekennen („professio“) und entscheiden („kritike“). Aber ob meine Kumpanin dieser Zuschreibung zustimmen würde, wage ich zu bezweifeln.

Von: Johanna-Yasirra Kluhs
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 5. April 2017 00:18:50 MESZ

Zur Erscheinung betrachten

Für mich ist jede Dramaturgie ein Versuch. Ein Ringen um die richtige Form für das, was sich da mit einem versammelt. Die die spezifische Qualität in Menschen, Dingen, Räumen, Klängen, Gedanken begreift und in eine Konstellation fügt, die ganz eigene Konditionen ästhetischen Gelingens produziert. Und die notwendigerweise ergänzt wird durch das ständige Hinzukommen diverser Betrachter. Das Außen ermöglicht sich dadurch, dass eine Gemeinschaft sich über eine lange Zeit weit nach innen begeben kann. Die Dramaturgie gehört dazu. Und hat den Bohrer in der Hand.

Von: Daphne Ebner
Betreff: Dramaturgie-Text
Datum: 5. April 2017 15:02:00 MESZ

Wo die Dramaturgin früher häufig als Anwältin des Textes bezeichnet wurde, könnte man heute vielleicht sagen, dass wir Fürsprecherinnen und Vermittlerinnen neuer Theaterformen und Ästhetiken sind. Denn entgegen der allgemeinen (zunächst auch meiner eigenen) Erwartung, habe ich beispielsweise in drei Jahren Staatstheater gerade mal zwei Klassiker betreut. Der Rest waren Stückentwicklungen, O-Ton-Theater und Live-Hörspiele, Romanadaptionen, partizipative bzw. immersive Spielformate oder tänzerische und performative Projekte, die den Spielerinnen völlig neue Spielweisen und Techniken abverlangen und oftmals ihr Selbstverständnis als Schauspielerinnen zu grundlegend neuen Definitionen herausfordern. Mehrmals pro Spielzeit sehen wir uns somit oftmals unbekannten Theaterformen (nicht mehr nur Bühnenästhetiken!) gegenüber. Die Qualitäten, die diesen neuen Formen neben anfänglicher Verunsicherung mit sich bringen und die manchmal auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen sind, gilt es zu antizipieren und nach innen wie nach außen hin zu vermitteln. Hier kommen verstärkt wir Dramaturginnen ins Spiel. Denn im Gegensatz zum dramatischen Text, der zu Beginn der Proben bereits abgeschlossen ist, sind diese Ästhetiken wie ein verlockendes Versprechen, das zunächst noch unsichtbar ist und nur erahnt werden kann. Der alten, aber sehr treffenden Metapher von der Dramaturgie als Hebammenkunst folgend, versuche ich, aus dieser Ahnung heraus einen kollektiven künstlerischen Prozess mit anzuregen, um der jeweiligen, möglicherweise so noch nicht dagewesenen Form in die (Theater-)Welt zu verhelfen.

Von: Nadine Vollmer
Betreff: Aw: Let´s talk about ... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 5. April 2017 15:15:48 MESZ

Liebe Felizitas,

auf einer Seitenfassade nicht weit weg von meinem Wohnhaus, dort, wo eigentlich mal ein Nachbarhaus gestanden haben muss und bevor sie von einem internationalen Sportartikelhersteller übermalt wurde, stand lange dieser Satz: Die Grenze verläuft nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen dir und mir. Der erste Teil des Satzes wirkt zynisch, ein naiver Wunsch, der zweite Teil erinnert mich daran, dass es um das 'zwischen' (dir und mir) geht, was oder wer auch immer das 'du' oder das 'ich' im jeweiligen Moment ist. Immerhin ist das eine einleuchtende Einsicht über Theater, die sich auf Gesellschaft erweitern lässt.

An anderer Stelle dieser Stadt gab es mal ein Haus, dessen Funktion irgendwann abgelaufen war, stattdessen zogen Künstler*innen ein und auf dem Dach prangte in großen Lettern: Zweifel. Inzwischen steht da ein neues altes Schloss und meine Augen sehen darüber immer noch diesen Schriftzug.

Übrigens hab ich vorgestern gelernt, wie man mit zwei Muttern eine Schraube kontert, um das Brett, in dem sie steckt, zumindest vorläufig zu befestigen.

Warum ich dir das schreibe? Vielleicht ist es eine Ablenkung, um einerseits unsere Vereinbarung einzuhalten, dass wir hier neben unseren Mitautor*innen auftreten, und um andererseits wieder an den Punkt zu kommen, an dem wir im Kontext dieser Publikation gemeinsam schon waren und den es ausnahmsweise offenzulegen gilt: dass Dramaturgie auch ein Gespräch ist, eine Korrespondenz mit offenem Ausgang, jetzt noch von mir zu dir, bald in größerer Runde, in der nicht nur die Antwort und die Übereinstimmung steckt, sondern genauso das Auslassen, Auswählen, Zweifeln, Einwenden, Kontern, Verschieben, Driften, Hinzufügen, Vervielfältigen; dass dramaturgisches Denken und Tun, also das, was wir auch hier machen, Bedingungen (auch ökonomische) mitproduziert, weitergibt, andere mit reinzieht und sich zwar angleichen, aber nicht gleichmachen kann. Dennoch glaube ich daran, dass wir, auch wenn das 'zusammen' und das 'co-' schon längst neoliberalen Bedingungen entspricht, es unbedingt weiter suchen müssen, um das 'zwischen', die Grenzen, Lücken und Bindestriche weiter verhandeln zu können.

Lotte van den Berg hat diesen schönen Titel erfunden: building conversation. Lass uns nicht zu lange damit warten. Die Räume werden schließlich enger, die Luft dünner und es gibt viel zu tun –

Deine Nadine

Von: Heike Albrecht
Betreff: Aw: Let´s talk about... POSTDRAMATURGIEN
Datum: 5. April 2017 um 15:54:11 MESZ

„a little knowledge can go a long way“
„you must know where you stop and the world begins“ (Jenny Holzer – Truisms)

Mit dem sich wandelnden Verständnis, was ein Kunstwerk oder eine künstlerische Arbeit ist, erweitern sich die Kategorien, durch die Kunst entwickelt / befürwortet / behauptet wird. Diese können in der Einübung, wie Aneignung einer dynamischen Beziehung zur Gegenwart als zeitgenössisch verstanden werden. Eine neue Arbeit als ein Werk, eine Position oder Praxis hervorzubringen, schließt immer Behauptungen mit ein oder kann erst durch diese sichtbar werden. Dramaturgie, in diesem Sinne, befürwortet den Wandel, die Entwicklung einer künstlerischen Arbeit in seiner Positionierung wie in der künstlerischen Praxis und kann Praktiken der Mitgestaltung als best practice definieren. Im Praktizieren / Aushandeln von Zeit und Zeitlichkeit bleiben diese Vorhaben wiederum überprüfbar, um sie in der entwickelten Form zu reflektieren und diese in ihren vielfältigen Beziehungen vergleichbar zu halten. Die so entstandenen Kategorien erlauben kritische Beurteilungen und Einordnungen, die eine Selbstbestimmtheit in der künstlerischen Praxis oder in einem Werk memorieren.

Interessant bleibt es, mit der begrifflichen Befragung über das ins-werk-setzen hinaus, auf Bewegungs- und Verhaltensmuster einer Handlung und deren Beziehungen von Nähe und Distanz innerhalb künstlerischer Arbeitsprozesse zu fokussieren und zur eigenen Praxis zu reflektieren – oder anders gesprochen, diese herauszufordern, gleich einem Perpetuum mobile. Dieses Beziehungsgeflecht zu verdeutlichen, interessiert mich in der Arbeit mit somatischen Wahrnehmungstechniken, in Verbindung mit Fragestellungen und Aspekten der Körpergeschichte. Es ist eine Arbeit im Umgang mit Präsenz und Zusammenspiel von Bild / Abbild und Bewegung, die Spuren für den Prozess der Befragung bilden und die Wahrnehmung präzisiert bzw. den notwendigen Prozess einer Herleitung provoziert. Es entsteht eine Gewichtung für eine künstlerische Praxis, die sich durch eine ständige inhaltliche Überprüfung in der Form den Vergleich zu einer bewussten Handlung erhält.

Von: Friederike Thielmann
Betreff: Text
Datum: 7. April 2017 12:12:32 MESZ

Nach meiner Erfahrung als Produktionsdramaturgin gefragt, ist zunächst zu sagen: Produktionsdramaturgie ist eine Praxis, die in hoher Dynamik steht zum Prozess des künstlerischen Vorhabens und den beteiligten Künstler*innen. Diese Position schaut und hört zu, beschreibt, gibt Impulse, sortiert, hinterfragt, verstärkt - - - je nachdem. Als solche bin ich als Dramaturgin künstlerisch gestaltende Position im Prozess der Probenarbeit. Ich prüfe, denke weiter und entwickle Konzept, Umgang mit dem Material und Arbeitsweise. Dabei verstehe ich mich nicht allein als Korrektiv von außen, als Ratgebende im Sinne einer Diskursabsicherung - sei es inhaltlicher oder formaler Fragen - ebenso arbeite ich mit Fantasie, Spinnerei und vertraue darauf, wenn es etwas in mir bewegt.

Die Dramaturgie bleibt in der freien Projektarbeit oftmals personell unbesetzt, die Position wird zuweilen von einzelnen Personen aus dem Team oder in einem oder mehreren Besuchen durch Gäste eingenommen. In dem einen Fall bleibt die Dramaturgie eine von innen, im anderen eine von außen. Die personelle Besetzung dieser Stelle ermöglicht jedoch, was dramaturgischer Arbeit eigen ist: zugleich Teil des Teams zu sein und außerhalb zu stehen. Es bietet zugleich sich einzulassen und aus einer Distanz zu sprechen. Aus der Wechselwirkung dieser hybriden Stellung heraus, ist die analytisch zerlegende wie die öffnend verstrickte Position der Dramaturgie ein Gegenüber für das Team zur Prüfung und Entwicklung der Theaterarbeit und andersherum - der Probenstand ein Gegenüber für meine Position.

ERSCHIENEN IN POSTDRAMATURGIEN - SANDRA UMATHUM (Hs.) 2019

Book cover titled 'Post Drama Turgien', edited by Sandra Umahmom and Jan Deck, with a green background.
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